Prostitution: warum Amnesty Recht hat und EMMA nicht

Wenn uns ein Mensch der späten 60er oder frühen 70er Jahre heute besuchen käme, der Stonewall und die sexuelle Befreiungsbewegung der 68er hautnah miterlebt hat, würde sich vermutlich ziemlich wundern. Und das vielleicht in einem weit weniger positiven Sinn, als man meinen möchte.

Zwar darf heutzutage rein theoretisch niemand mehr wegen seiner Sexualität oder seines Geschlechts diskriminiert oder angefeindet werden. Andererseits gibt es eine deutliche Rückwärtsbewegung; Sexualität wird nicht mehr grundsätzlich positiv aufgefasst, sondern tatsächlich wieder in zunehmendem Maße negativ. Der Christopher-Street-Day ist für die meisten Menschen nur mehr bunter Karneval, der blutige Ursprung vergessen. Führende Feministinnen des Landes predigen die Entscheidungsfreiheit der Frauen und fordern im selben Atemzug und zudem völlig ironiefrei, letztere mögen sich doch bitte sittsamer kleiden.

Eine Alice Schwarzer von 2015 ist tatsächlich gleichzeitig gegen das Kopftuch und gegen den Minirock, ohne die grundsätzliche Widersprüchlichkeit dieser Haltung zu sehen. Frauen sollen zwar sexuell frei sein, aber gleichzeitig wird jede Äußerung von Sexualität und Individualität zutiefst misstrauisch beäugt. An die Stelle der moralinsauren Prüderie der 50er und 60er Jahre ist eine neue Form getreten, die zwar Freiheit als Lippenbekenntnis vor sich her trägt, aber Sex lediglich im Kontext des Patriarchats deuten kann. Will sagen: trägt Frau knappe Kleidung, ist das ein Zeichen von verinnerlichtem Seximus und Dienst am männlichen Blick. Verhüllt Frau sich dagegen, kapituliert sie vor eben jenem Sexismus und männlichen Blick. Es gibt kein Entkommen.

Das Bizarre an der Situation ist, dass dieser Feminismus, der heute zuviel nackte Haut beklagt, dieselben Protagonisten aufweist wie jener der 1960er und 1970er, aber auch 1990er Jahre, der so viel für die Befreiung von überkommenen Rollenbildern getan hat, der die überfällige Diskussion über Abtreibung lostrat und schlussendlich auch dafür sorgte, dass endlich(!) Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand erklärt wurde.

Etwas platt ausgedrückt, in den 1960ern trug auch Frau Schwarzer Minrock, also eben jenes Kleidungsstück, das sie dann in „Der Große Unterschied“ 2000 als „viel zu dürftigen Rahmen für maximales Beinfleisch, das wie eine Schnellstraße zwischen die Beine führt“ geißelte. An die Stelle der Forderung nach individueller Entscheidungsfreiheit scheint ein etwas anderes Credo getreten zu sein: „ihr dürft alles, was ich für richtig halte“. Letztlich sind EMMA&Co. heute nicht besser als die männlichen Tugendwächter, gegen die sie früher so vehement kämpften.

Gemeinsame Feindbilder führen zu seltsamen Bettgenossen. Geht es beispielsweise um Prostitution, finden sich EMMA und Alice auf einmal im selben Lager wieder wie erzkonservative Kirchenvertreter, vereint im Hass auf das deutsche Prostitutionsgesetz, auf den Weg gebracht von einer rotgrünen Koalition im Jahr 2001.

In Deutschland war über Jahrzehnte Usus, dass Prostitution zwar formell nicht illegal war, aber als „sittenwidrig“ betrachtet wurde. In der Praxis hieß dies, dass Prostituierte bzw. Sexarbeiterinnen (ich benutze hier die weibliche Form, da es sich hauptsächlich um Frauen handelt, obschon Sexarbeit natürlich von allen Geschlechtern verrichtet wird) absolut keinen Schutz vor dem Gesetz genossen. Im Gegenteil konnte ein Kunde („Freier“) der Sexarbeiterin gegenüber vortäuschen, über Geld zu verfügen, und trotzdem im Zweifelsfall nicht wegen Betrugs belangt werden. Das Gesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten (GeschlKrG) war zudem Grundlage für regelmäßige Zwangsuntersuchungen von Sexarbeiterinnen.

Die heutige Situation stellt sich so dar, dass Sexarbeit vom Gesetzgeber relativ weitgehend mit anderen Dienstleistungen vergleichbar behandelt wird. Insbesondere können Sexarbeiterinnen heute zumindest theoretisch für ihre Bezahlung vor Gericht ziehen, und der Kunde kann gegen die Rechtmäßigkeit der Forderung letztlich nur ins Feld führen, dass der bezahlte Sex überhaupt nicht stattgefunden habe.

Die rechtliche Situation in Deutschland gehört im Moment zu den liberalsten der Welt. In der Praxis ist es eine Mischung aus Entkriminalisierung und Legalisierung, wobei erstere die Aufhebung von Spezialgesetzen (insbesondere im Strafrecht) mit Blick auf Sexarbeit meint, zweitere die Regulierung der Sexarbeit über verbraucher-, arbeits- und gesundheitsrechtliche Normen.

Insbesondere die Entkriminalisierung ist eine von Interessensverbänden immer wieder geäußerte Forderung, der sich kürzlich unter großem Medienecho sogar Amnesty International angeschlossen hat. Denn Strafgesetze, die der Unterdrückung von Prostitution dienen sollen, führen in der Praxis hauptsächlich zur Marginalisierung einer sowieso schon schwachen Bevölkerungsgruppe ohne echte Lobby. Auch eine weitgehende Legalisierung wird als weiteres Unterdrückungsinstrument von den Verbänden großteils abgelehnt, wodurch Deutschland bizarrerweise von beiden Seiten als Negativbeispiel benutzt wird: den einen geht es zu liberal zu, den anderen ist die Regulierung zu stark.

Tatsächlich wird hauptsächlich Straßen- und Bordellprostitution reguliert. Erstere wird über das Argument des Jugendschutzes häufig in den Innenstädten untersagt oder in spezielle Viertel verbannt. Einige Städte erheben von Straßenprostitutierten eine Sondersteuer auf Tagesbasis, einzelne Bundesländer verbieten das gewerbliche Angebot von ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Für den Betrieb eines Bordells bedarf es einer Gewerbeanmeldung und in vielen Städten einer Registrierung der Anzahl der beschäftigten Sexarbeiterinnen (vornehmlich zur Steuer-Erhebung).

Einige insbesondere internationale Interessensverbände sehen wie gesagt Deutschland als Negativbeispiel für legalisierte und stark regulierte Prostitution an. In diesem Zusammenhang wird oft der Anschein erweckt, zwangsweise Registrierung und Reihenuntersuchungen seien die Regel (da in diesem Zusammenhang auch oft Nevada als weiteres Beispiel genannt wird). Dies ist zumindest irreführend: Reihenuntersuchungen („Bockschein“) gibt seit mindestens 10-15 Jahren schon nicht mehr und private Wohnungs-Sexarbeit auf eigene Kasse ist zumindest in Großstädten oftmals vollkommen legal und praktisch unreglementiert. Allerdings wird derzeit über eine Verschärfung der Gesetze diskutiert, die insbesondere eine Rückkehr des „Bockscheins“ bedeuten können.

(Anmerkung: hier hatte sich in der ersten Version des Texts leider ein Fehler eingeschlichen: tatsächlich können Gemeinden bis zu 50.000 Einwohner die Prostitution komplett untersagen; dies ist insbesondere im Süden der Republik wohl relativ häufig der Fall, wie mir berichtet wurde. Oberhalb dieser Größe darf ein Totalverbot aber nur für einen Teil des Stadtgebiets gelten und ansonsten nur Straßenprostitution komplett verboten werden. In anderen Städten ist im Sperrbezirk auch sowieso nur die Straßenprostitution untersagt, da hier die Belästigung für Nachbarn und Anwohner am größten ist.)

Die Reaktion auf die erwähnte Forderung von Amnesty International nach einer weitgehenden weltweiten Entkriminalisierung von Sexarbeit ließen natürlich auch hierzulande nicht lange auf sich warten. „Amnesty kämpft jetzt auch für Zuhälter“ titelte der Spiegel in seiner Online-Ausgabe, zog diese Überschrift allerdings später verschämt wieder zurück. EMMA und Alice Schwarzer, die bekannten Sturmgeschütze des deutschen Brachialfeminismus, wiederholten natürlich prompt ihre Standardkritik, nach der jede Form von legaler Sexarbeit nur dem Menschenhandel Vorschub leiste; Deutschland sei ein Ziel von Sextouristen aus aller Herren Länder geworden, und die Nachfrage werde faktisch von Sex-Sklavinnen befriedigt.

Der Entscheidung vorweg gegangen war eine beispiellose Kampagne insbesondere von Schauspielerinnen aus Hollywood, aber auch von anderen bekannten Persönlichkeiten (ja, inklusive Frau Schwarzer) mit der Kernforderung an Amnesty, von der jetzt erfolgten Positionsänderung bitte bloß abzusehen.

Was mich dabei fasziniert ist, dass auf Kritiker-Seite nie jemand auf die Idee kommt, mit den Sexarbeiterinnen selbst zu sprechen. Amnesty International hat genau dies getan, und zwar nicht mit einzelnen Frauen, sondern mit Hunderten weltweit, und schloss in der Folge sich deren Forderung nach Entkriminalisierung an. Die Schwarzers der Welt dagegen gehen lieber weiter den Weg, eine Bevormundung durch eine andere zu ersetzen, frei nach dem Motto: sei still, wir wissen sowieso besser, was gut für dich ist.

Es stimmt natürlich: die wenigsten Sexarbeiterinnen (und Sexarbeiter) gehen dem Beruf aus Freude nach. Oftmals bestimmt wirtschaftliche Not das Handeln. Wenn ich aber alle Arbeitnehmer, die ungeliebte Tätigkeiten ausüben, damit Essen auf dem Tisch landet, als Sklaven bezeichnen wollte, hätte ich viel zu tun. Außerdem dient diese geradezu mythische Verklärung der Sexualität, welcher die Verbotsproponenten frönen, letztlich nur als Werkzeug neuer Gängelung.

Denn: wenn mich nichts angeht, wer mit wem wann und wie ins Bett steigt (was mittlerweile zum Glück großteils Konsens in der Gesellschaft zu sein scheint), warum sollte es mich interessieren dürfen, ob dabei Geld eine Rolle spielt? Handelt die 28jährige „Trophäen-Ehefrau“ des reichen Unternehmers Ende 70 denn weniger des Geldes wegen? Wohl eher nicht.

Wenn ich persönliche Entscheidungsfreiheit annehme, dann muss ich auch mit „dummen“ Entscheidungen leben: es ist nicht die Aufgabe des Staates, jeden Menschen gleichwohl vor sich selbst zu beschützen, im Gegenteil. Jede Freiheit, die den Namen verdient, ist nun einmal immer auch die Freiheit, Fehler zu machen.

Und dabei lasse ich das Fass einmal bewusst zu, dass nicht jeder Freier ein sexistisches Arschloch und ein Frauenhasser ist, sondern im Gegenteil in unserer individualisierten Gesellschaft immer mehr Menschen einen Großteils ihres Lebens unfreiwillig allein verbringen, womöglich also einfach von Zeit zu Zeit zumindest die Illusion von Nähe verspüren möchten. Es gibt tatsächlich viele Prostituierte, die davon berichten, dass ein nicht gerade kleiner Teil ihrer Kundschaft nicht so sehr für den reinen Sex kommt, sondern vor allem reden oder kuscheln möchte. Es gibt auch Sexarbeiterinnen, die auf Menschen mit Behinderungen spezialisiert sind, also auf Menschen, die sonst wohl gar keine Sexualpartner finden könnten. Wer Sex immer und unter allen Bedingungen als Unterwerfung definiert, tut weder dem Feminismus noch der Gesellschaft als Ganzes einen Gefallen.

Es stimmt andererseits auch, dass es in Deutschland ein Problem mit den Arbeitsbedingungen insbesondere in Bordellen gibt. Sexarbeiterinnen bzw. Sexarbeiter haben praktisch überhaupt keine Lobby, und das gilt ganz besonders für noch kleinere Randgruppen wie z.B. nichtweiße Frauen und Transgender. Die Grenze zu Ausbeutung und Menschenhandel wird insbesondere in Großbordellen nicht selten überschritten, gerade angesichts dessen, dass es dort einen regelrechten Verdrängungswettbewerb gibt: große Flatrate-Puffs buhlen heutzutage um Kundschaft, und das geht vor allem: über den Preis. Da das „Angebot“ derzeit so groß ist, hat die Kundschaft fast schon die Qual der Wahl. Auch Sex ohne Kondom wird deshalb immer öfter gefordert (und geboten).

Anderseits gilt derselbe Mechanismus auch für die „andere“ Fleischindustrie: die Arbeitsbedingungen dort sind teilweise ebenfalls nur noch als moderne Sklaverei zu bezeichnen. Faszinierenderweise sehe ich allerdings keine EMMA-Redakteurin, die ganz grundsätzlich in Frage stellt, dass man freiwillig in der Fleischverarbeitung arbeiten kann, oder welche die gesamte Fleischindustrie des Menschenhandels bezichtigt; die Empathie von Frau Schwarzer und ihren Kolleginnen hat anscheinend Grenzen, sobald es um Fleisch nicht nur im übertragenen Sinn geht und sobald nicht vornehmlich Frauen ausgebeutet werden, sondern mal zur Abwechslung Männer.

Die Antwort auf das Problem der Ausbeutung von Sexarbeiterinnen kann nur darin bestehen, den Schutz der Prostituierten zu verbessern. Sie müssen vor Abschiebung geschützt werden, Hilfsangebote müssen verbessert werden, und die Frauen müssen sich jederzeit an die Polizei wenden können. Ein Verbot schadet ausgerechnet denen am meisten, die es angeblich schützen soll: es entzieht das Gewerbe dem Blick der Polizei, verdrängt es in die Schatten der Gesellschaft, ganz zu schweigen davon, dass die Sexarbeiterinnen zum Überleben gezwungen werden, Kunden zu akzeptieren, die sie sonst eigentlich ablehnen würden. Auch das sogenannte „schwedische Modell“, nach dem nur der Kunde bestraft wird, ist kontraproduktiv, denn die Sexarbeiterinnen werden hier ebenfalls dazu gezwungen, sich (wenngleich für den Schutz ihrer Kundschaft) vor der Polizei zu verstecken, also ihre eigene Sicherheit zu riskieren. Das Modell dient also wieder nicht dem Schutz der Sexarbeiterinnen, wie oft behauptet, sondern ausschließlich der Unterdrückung.

Und nicht zuletzt: wir dürfen nicht mehr hinnehmen, dass für Menschen aus Rumänien oder Ungarn oder Bulgarien die Perspektive im eigenen Land so schlecht ist, dass selbst die Existenz als Beinahe-Sklave in der deutschen „Fleischindustrie“ (sei es wörtlich oder im übertragenen Sinn) noch attraktiver erscheint. Es wird Zeit, dass diese Tatsache unserer Regierung nicht mehr zum Stolz angesichts deutscher „Wettbewerbsfähigkeit“ gereicht, sondern zur Scham.

Kommentare

Kleine Korrektur:
"Die heutige Situation stellt sich so dar, dass Sexarbeit vom Arbeitgeber relativ weitgehend mit anderen Dienstleistungen vergleichbar behandelt wird."
Es hieß zwar mal, der größte Zuhälter sei der Staat,... aber ich denke trotzdem, es soll hier Gesetzgeber heißen.

Ups. Ja. Ist korrigiert, danke. :)