"Egalitarismus" und andere Unterdrückungs-Taktiken

Ich bin Feminist. Ich sage das wohl besser direkt zu Beginn und frei heraus. Wenn Sie damit ein Problem haben, es gibt genug andere Seiten im Netz. Wenn nicht, bzw. falls Sie wissen möchten, warum ich mich als Feminist bezeichne und nicht als „Egalitarist“ oder ähnliches, dann dürfen Sie gerne weiterlesen.

Feminismus, das ist heutzutage ein Schimpfwort. Feministinnen (männliche Feministen gibt es dem Cliché nach ja eh nicht), das sind männerhassende, auf Krawall gebürstete Aggroweiber, die der Gesellschaft jedes bisschen Männlichkeit austreiben und das umfassende Matriarchat ausrufen wollen. Heutzutage ist man daher lieber „für Gleichberechtigung“ oder für „Egalitarismus“, „Humanismus“ oder irgendeinen anderen „neutral“ klingenden Begriff. Ein aktuelles Fallbeispiel wurde mir heute in meine Twitter-Timeline gespült:

Ich finde Feminismus übrigens doof! Ich mag Humanismus, dass schließt Gutes für alle Menschen auf der Welt ein! #randomthought

Ich schätze den Urheber üblicherweise sehr, weshalb mich diese Aussage doch etwas gewundert hat. Denn Feminismus fordert ja genau den Abbau von Ungleichheit, ist für die Förderung einer tatsächlichen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Und das ist doof? Und etwas, das einer humanistischen Geisteshaltung quasi entgegen steht?

Es gibt von der obigen „egalitären“ Forderung zwei Varianten, die aber im Endeffekt auf dasselbe Problem hinauslaufen. Im Folgenden will ich sie beschreiben und erklären, wieso sie letztlich auf dasselbe hinauslaufen: auf Unterdrückung und Aufrechterhaltung des (ungleichen) Status Quo. Sie sind damit als „Derailing“-Taktik zugunsten der derzeit weiterhin besonders privilegierten gesellschaftlichen Gruppe zu betrachten: des heterosexuellen, weißen Cisgender-Mannes.

Das „Kinder in Afrika“-Argument

Den ersten Aspekt des egalitären Credos konnte man seinerzeit gut beobachten, als Rebecca Watson, ihres Zeichens amerikanische Feministin, Gründerin des "Skepchick"-Netzwerks und ehemaliges Mitglied des „Skeptics Guide to the Universe“-Podcasts, sich über unerwünschte Annäherungsversuche in einem Aufzug beschwerte. Sie beschrieb, wie sie auf einer Convention (ausgerechnet nach einem Vortrag über Einhaltung von Grenzen und Privatsphäre), einen sehr aufdringlichen Verehrer im Aufzug des Hotels abwehren musste. Sie erzählte, wie unangenehm ihr die Situation war (gerade wenn man das Thema ihres Vortrags eine halbe Stunde vorher berücksichtigt) und schloss die Schilderung mit einem einfachen Satz: „Männer, macht so etwas nicht“.

Dieser einfache Satz führte zu einer Welle der Empörung. Neben vielen Männern, die sich in ihrem Stolz verletzt sahen (zum „nicht alle Männer“-Argument kommen wir aber gleich), meldete sich unter anderem die Atheisten-Ikone Richard Dawkins zu Wort (den ich seitdem nur noch „Dick“ nenne, und zwar mit voller Absicht). Mr Dawkins erklärte Ms Watson in Form eines sarkastischen fiktiven Briefs an eine Muslimin, sie solle sich mal nicht so anstellen, ihr sei doch gar nichts passiert. Und sowieso: Musliminnen in Afrika, die regelmäßigen Misshandlungen bis hin zum Mord ausgesetzt sind, würden sich doch wohl freuen, wenn ihr einziges Problem eine gelegentliche schmierige Anmache im Aufzug sei.

Verehrte Muslima,

nun hören Sie schon auf, sich so anzustellen. Ja, ja, ich weiß, Ihre Genitalien wurden mit einer Rasierklinge verstümmelt, und... gähn... erzählen Sie mir nicht schon wieder, dass Sie kein Auto fahren dürfen und das Haus nicht ohne männlichen Verwandten verlassen, dass Ihr Ehemann Sie verprügeln darf und Sie zu Tode gesteinigt werden, sofern Sie untreu werden. Aber nun hören Sie schon auf, sich so anzustellen. Denken Sie nur an all das Leid, das Ihre amerikanische Schwestern erdulden müssen.

Erst diese Woche habe ich von einer gehört; sie nennt sich das Skep-„Chick“, und wissen Sie, was ihr passiert ist? Ein Mann in einem Hotel-Aufzug hat Sie auf einen Kaffee in sein Zimmer eingeladen. Ich übertreibe nicht. Das hat er wirklich gemacht. Er hat sie auf einen Kaffee in sein Zimmer eingeladen. Natürlich hat sie nein gesagt, und natürlich hat er ihr kein Haar gekrümmt, aber trotzdem...

Und Sie, verehrte Muslima, denken, dass Sie sich über Frauenfeindlichkeit zu beschweren hätten! Um Himmels willen, werden Sie erwachsen, oder legen Sie sich zumindest ein dickeres Fell zu.

Richard

Nach diesem als „Elevator-Gate“ bekannt gewordenen Vorgang hat sich Dawkins zwar später entschuldigt. Meines Wissens spricht Watson mit ihm trotzdem nicht mehr, und wer wollte es ihr verübeln.

Der Vorfall zeigt eindrucksvoll, was passieren kann, wenn eine Frau sich über Missstände beschwert. Woanders ist es noch schlimmer, also: Maul halten. Sexismus in Europa und Amerika ist so lange unwichtig, solange es woanders noch schlimmer ist. Dasselbe Argument gibt es natürlich auch anderswo, oder: jetzt haltet doch mal die Klappe mit eurem „Tierschutz“, woanders verhungern Kinder in Afrika! Das hat zwar nicht viel miteinander zu tun, aber es klingt so schön rechtschaffen-empört, und erstickt jedes Argument im Keim.

Das „nicht alle Männer“-Argument

Das zweite „Gegenargument“, das Frauen bei der Schilderung von erlebtem Alltags-Sexismus erleben, ist eine große Gruppe Männer, die als allererstes verlangt, Frau solle bitteschön deutlich machen, dass selbstverfreilich nicht alle Männer gemeint seien, sondern nur eine Gruppe begrenzter Größe, im Idealfall eine möglichst kleine Minderheit.

  • „Frauen verdienen weniger als Männer.“ - „Nicht alle Männer verdienen mehr als Frauen!“
  • „Liebe Männer, lasst Frauen in Aufzügen in Ruhe.“ - „Nicht alle Männer tun sowas!“

Das Muster lässt sich beliebig fortsetzen: sobald eine Frau es wagt, den Mund aufzumachen, dabei aber nicht brav sofort klarstellt, dass es natürlich nur um einige Männer gehe, kommt diese Antwort so sicher wie das Amen in der Kirche und das Siegheil in Freital. Nicht! Alle! Männer!

Nun ist es faktisch erst einmal richtig, dass nicht alle Männer sexistische Schweine sind. Ich gebe mir selbst auch Mühe, keines zu sein. Aber das „Argument“ ist trotzdem keines, denn es geht am Kern des Problems vorbei. Außerdem reißt der Mann auf diese Weise die Diskussion (wieder einmal) an sich und setzt sich selbst in den Mittelpunkt, und so verbietet das Verhalten faktisch wieder einmal den Frauen, ihre Probleme zu schildern und für Verbesserungen zu kämpfen.

Beide Aspekte der zunächst einmal so schön klingenden Forderung nach Egalitarismus dienen letztlich also demselben Zweck: der Frau den Mund zu verbieten, die Diskussion abzwürgen und im Keim zu ersticken.

Die beschriebenen Mechanismen greifen in isomorpher Form übrigens für praktisch alle Unterdrückungs- bzw. Privilegien-Mechnismen in unserer Gesellschaft, ganz gleich, ob es um Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe oder Ethnie geht. Ich beziehe mich hier also auf Sexismus und Feminismus eigentlich nur als eingängiges Beispiel. Allen diesen Privilegs-Mechanismen gemein ist übrigens, dass auf der bevorzugten Seite stets der weiße, heterosexuelle Cisgender-Mann steht.

(Anmerkung: Personen, die zu mehreren benachteiligten Gruppen gleichzeitig gehören, zum Beispiel eine lesbische Transfrau dunkler Hautfarbe, erleben mitunter noch viel krassere Ausgrenzung und Benachteiligung, die auch nicht durch simples „Aufsummieren“ der einzelnen Gruppenzugehörigkeiten zu erfassen ist. Das ist aber ein sehr komplexes Thema, das ich in diesem Rahmen nicht angemessen erörtern kann.)

Die Forderung nach Egalitarismus (oder nach Humanismus oder wasweißich), die den Mitgliedern einer benachteiligten Gruppe den schwarzen Peter zuschiebt, nur weil sie für ihre eigenen Interessen kämpfen, ist deshalb eine Zementierung des Status Quo: wenn sich alle gegenseitig zerfleischen, wird es für die Stellung des Mannes nicht gefährlich.

Es gibt zwar leider tatsächlich beispielweise Feministinnen, die z.B. einerseits die Selbstbestimmung der Frau fordern, gleichzeitig aber am liebsten Prostituierten sofortiges Berufsverbot erteilen möchten (Hallo, Frau Schwarzer). Es gibt Homosexuellen-Aktivisten, die etwas gegen Ausländer haben. Es gibt Aktivisten gegen Rassismus, die zutiefst frauenfeindliche Thesen vertreten. Aber diese sind im Normalfall eher die Ausnahme.

Denn wer selbst Unterdrückung erlebt, ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle eher empathischer gegenüber der Unterdrückung anderer, will sagen: Feministinnen (bzw. Feministen) sitzen mit Kämpfern gegen Rassismus und Aktivisten für die Rechte von Transmenschen oder die „Ehe für alle“ normalerweise in einem Boot. Sie alle haben aber natürlich unterschiedliche Geschichten zu erzählen, und die Antwort kann nur sein, dass wir alle diese Gruppen anhören müssen. Der Versuch, diese Geschichten zum Verstummen zu bringen, ist ein Schaden für uns alle. Wer hier also „egalitär“ sein muss, sind nicht die Aktivisten, sondern wir, wir Männer. Wir Männer, die wir uns allzu lange faul auf dem Privileg unserer Geburt ausgeruht haben.

Kommentare

An Ihrem Beitrag stört mich nur der Schlusssatz: dass wir Männer auf dem Privileg unserer Geburt ausruhen. Ich bin männlich und frage: was für Privilegien, bitte?

Ich vermeide den Fehler, den Feminismus mit dem Kriegsgespann Emma/Schwarzer gleich zu setzen und akzeptiere Ihre Haltung als Feminist. Aber ich stelle dem Feminismus die gleiche Frage wie jedem Aktivisten: was willst du von der Welt? Das nicht unverschämt, und ich bemühe mir im umgekehrten Fall um verständliche Antwort.

Es spielt keine Rolle, ob ich die Frauen liebe oder nicht (ich tue es), ich bin aus allgemeinen Gründen für Gleichberechtigung. In meinem Verständnis kein Altruismus, weil ich dasselbe für mich fordere.

Ich verstehe den Sinn Ihres Kommentars nicht. Natürlich geht es um die Verwirklichung von Gleichberechtigung und -behandlung. Es geht in meinem Essay genau darum: dass z.B. der Feminismus eben nicht eine Vorzugsbehandlung wünscht, sondern Aufhebung von bestehender Benachteiligung, und diese Forderung nicht in Konkurrenz zur Bekämpfung anderer Diskriminierung steht.

Oder wollen Sie in Abrede stellen, dass es faktisch weiterhin Nachteile gibt (insbesondere für: Frauen, "Ausländer", homosexuelle Menschen, Transgender, Behinderte etc.). Falls dies Ihr Anliegen ist, breche ich die Unterhaltung allerdings ab, da ich ungerne über Fakten "diskutiere".

Als weißer, sprich "deutsch aussehender" und als solcher geborener Mann, idealerweise heterosexuell und ohne Körperbehinderung, habe ich multiple Vorteile. Auch wenn auf dem Papier die Gleichberechtigung verwirklicht erscheint, ist das halt de facto nicht so. Als deutscher Mann bekommt man leichter einen Bankkredit, der Verkäufer im Autohaus guckt weniger misstrauisch und behandelt den Kunden weniger herablassend, es werden schneller Führungsaufgaben anvertraut und man wird besser bezahlt.

Als "Gesunder" kommt man überall hin und läuft nicht Gefahr, sogar von Lehrpersonen an Schulen herablassend behandelt zu werden. Als Mann findet man leichter Arbeit und als Weißer hat man deutlich weniger Scherereien mit willkürlichen Polizeikontrollen. Und all das sind keine Phantastereien, sondern statistisch belegte, nüchterne Fakten.

Der Schwierigkeitsgrad für das Spiel namens "Leben" ist für den weißen, gesunden Mann deshalb im Mittel auf die niedrigst mögliche Stufe eingestellt. Und wenn Sie einwenden möchten, Sie hätten es ja auch stellenweise schwer, dann denken Sie einfach mal daran, wie sich die Situation verändern (lies: verschlimmern) würde, wenn Sie zusätzlich zu ihrer ggf. schon schwierigen Lebenssituation nun auch noch eine Frau wären, oder schwarz oder beides.

Jede diskriminierte Gruppe hat eine eigene Geschichte zu erzählen. Frauen erleben andere Formen von Diskriminierung als Schwarze, und schwarze Frauen wiederum erleben Diskriminierungen, die weder weiße Frauen noch schwarze Männer erleben.

In dem Essay geht es mir darum, dass diese Gruppen individuell zu hören sind. Als weißer Mann kann ich mich eben nicht hinstellen und der Frau, die sich gegen Sexismus wehrt, erklären, dass ich Feminismus scheiße finde und lieber "Gleichbehandlung für alle" möchte.

Denn damit erklärt man dieser Frau, dass sie nicht für ihre eigenen Bedürfnisse sprechen darf, weil es ja noch andere Benachteiligte gibt. Aber so funktioniert das nicht: denn eine weiße Frau kann nicht für einen schwarzen Mann sprechen, und beide können nicht für eine schwarze Frau sprechen. Und genau deshalb ist diese Forderung nach "Egalitarismus" faktisch ein Maulkorb für die einzelnen Gruppen, der abzulehnen ist.

-- wollen Sie in Abrede stellen, dass es faktisch weiterhin Nachteile gibt (insbesondere für: Frauen, "Ausländer", homosexuelle Menschen, Transgender, Behinderte etc.) --

Die spezifisch weibliche Benachteiligung streite ich nicht ab (denn die Nichtexistenz von irgendwas ist nicht beweisbar), sondern ich wünsche konkrete Benennung von Fakten.

Bei Behinderten habe ich nicht die geringsten Verständnisschwierigkeiten (körperlich bedingte Schwellen, die mir als Normalo gar nicht auffallen). Bei Ausländern dito (Arbeitserlaubnis etc.); sexuelle Außenseiter (empfundene oder reale Diskretionspflicht).

Bei Frauen gab es vor Erfindung der Pille dern "Kerker" von Küche, Kinder, Gardinen samt asymetrischer Gesetzgebung. Ist seit spätestens den Achtzigern Geschichte.

Dass die Frau angesichts dessen heute noch eine spezifische Benachteiligung erfährt, dafür erwarte ich (pardon) eine möglichst präzise Benennung. Ich lasse mich von Fakten immer überzeugen. (Wenn ich über meinen Irrtum aufgeklärt werde, bedanke ich mich, statt rumzublöken. Zusage.)

Jedoch habe ich bei Lektüre des zeitgenössischen Netzfeminismus zur Begründung ihrer Forderungen lediglich statistische Aussagen vorgefunden. Ich verkneife mir den Statistik-und-Kausalitätswitz mit dem Rückgang der Störche und dem Rückgang der Geburten und der Schlussfolgerung daraus.

Ich verstehe Ihr allgemeines Engagement für Behinderungen aller Art. Aber ich bitte um harte Fakten. Danke.

Statistische Fakten sind Fakten. Und auch wenn die gesetzliche Lage so ist, dass theoretisch alles in Butter sein müsste, muss das in der Praxis nicht so gelten und tut es tatsächlich auch nicht. Frauen verdienen im Mittel deutlich weniger, haben geringere Job-Sicherheit (z.B. erfolgt die Kündigung oft direkt nach dem Mutterschutz), werden bei Beförderungen übergangen und so weiter. Hier ist die Statistik ein wichtiger, valider und durchaus "harter" Fakten-Indikator für ein Problem.

Auch für andere Gruppen ist das so. Für "Ausländer" (bzw. Menschen, die "ausländisch" aussehen) ist die Arbeitserlaubnis nicht mal das größte Problem: ihr "fremdes" Aussehen ist es und die darauf folgenden Reaktionen von Arbeitgebern, Kunden, Passanten, Vermietern, sogar der Polizei. Die Wahrscheinlichkeit, ohne jeglichen Anlass von der Polizei kontrolliert zu werden, ist für einen Menschen mit nichtweißer Haut nicht nur etwas höher, sie ist ganz tatsächlich massiv erhöht.

Dieses "Racial Profiling" als systematischer Effekt wird sogar von der Polizei offen zugegeben (nur nicht als Problem anerkannt); trotzdem handelt es sich hierbei "nur" um Statistik, nur um Wahrscheinlichkeiten. Und dass es nur Statistik sei, ist dem 18jährigen Deutschen ghanaischer Herkunft, der bereits sein ganzes Leben lang jährlich ca. 3-5x im Zug von der Bundespolizei gefilzt wird, nur weil er schwarz ist, denn auch reichlich egal.

Wenn also für Sie alles, was nicht jedem einzelnen Individuum auf identische Weise zwangsläufig widerfährt, kein hartes Faktum ist und deshalb also insbesondere jede Statistik ignoriert werden darf, werden wir da nicht auf einen grünen Zweig kommen. Wie gesagt, theoretisch sollte alles in Butter sein. Aber wie war das noch gleich mit Theorie und Praxis.