Von Dinos und Menschen

Unsympathische, unrealistische Dinos jagen unsympathische, unrealistische Menschen in unrealistischer Umgebung: das ist „Jurassic World“ in einem Satz zusammengefasst. Der vierte Teil der Jurassic-Park-Reihe macht zwar streckenweise durchaus Spaß, hat aber mehr als nur ein paar Schwächen.

Wir erinnern uns: der erste Teil der Reihe wurde von Stephen Spielberg gedreht und erschien im Jahr 1993 in den Kinos. Damals wurde der Film beinahe durchweg gelobt, insbesondere für die seinerzeit bahnbrechenden Spezialeffekte (aber auch für die relativ intelligente Geschichte). Computeranimation war im Vergleich zu heute noch sehr neu, sehr teuer und häufig direkt als solche zu erkennen; die Dinos in „Jurassic Park“ dagegen waren so gut, dass die animatronischen und die voll digitalen Aufnahmen praktisch nicht zu unterscheiden waren. Wir befinden uns ca. 2 Jahre hinter dem (ebenfalls bahnbrechenden) zweiten Teil der Terminator-Reihe mit seinem Terminator aus flüssigem Metall, und selbst über zwanzig Jahre später sieht Jurassic Park noch ziemlich gut aus.

Auch wissenschaftlich gesehen war der erste Teil recht stimmig. Die Idee, aus Moskitos in Bernstein Dino-Blut zu extrahieren, mit Amphibien-DNA zu ergänzen und daraus neue Dinos zu backen, ist zwar mehr Fiction als Science, aber doch noch plausibel genug, um nicht gleich alle Alarmglocken schrillen zu lassen. Nach damaligem Wissensstand sahen die Dinos zudem ziemlich realistisch aus: beinahe genau so stellte man sich tatsächlich beispielsweise den Velociraptor oder den Tyrannosaurus Rex vor. Die Erkenntnis, dass Dinosaurier nicht einfach nur große Echsen waren, setzte sich erst später durch.

Und da sind wir denn auch beim ersten Problem des neuen Films. Einerseits soll er ein „Soft Reboot“ sein, also als Start einer eigenständigen Filmreihe (eine Trilogie ist wohl geplant) dienen können. Die Zuschauer sollen mit anderen Worten nach Möglichkeit nicht die vorherigen Filme gesehen haben müssen, um die neuen Filme zu verstehen. Andererseits steckt der Film voller Zitate seiner Vorgänger (insbesondere visuell), wodurch sich erklärt, dass die Dinos im Film nur noch sehr wenig mit dem tatsächlichen aktuellen Wissensstand zu tun haben. Ich sage nur: Federn.

„Jurassic World“ ist denn auch eigentlich kein Science-Fiction-Film. Es ist ein Monster-Film, also ein Fantasy-Action-Streifen mit einer Prise Katastrophenfilm, nicht mehr und nicht weniger. Wo der erste Teil noch eine recht innovative Mischung aus Elementen der Genres Science Fiction, Action und Horror war, ist der neue Film eher vergleichbar mit den „Mumie“-Filmen mit Brandon Fraser: er ist einfach eine Achterbahnfahrt vor imposanter Kulisse und will augenscheinlich auch nicht mehr sein. In so einem Kontext über Wissenschaftlichkeit zu sprechen, verbietet sich eigentlich, und deshalb spare ich mir das auch.

Also sprechen wir lieber kurz über die Story, und das möglichst ohne zu große Spoiler (was gar nicht so einfach ist, da sie ungefähr so dünn ist wie japanisches Reispapier). Die Isla Nublar, der (fiktive) Schauplatz des ersten Films, wurde mittlerweile zusammen mit der Gentechnik-Firma „InGen“ von einem ausländischen Investor gekauft und darauf ein neuer Vergnügungspark errichtet: die titelgebende „Jurassic World“. Der neue Park verfolgt dasselbe Konzept wie der ursprüngliche „Jurassic Park“, verwendet sogar dessen Original-Eingangstor (eines von vielen Zitaten), treibt es allerdings viel weiter. Der neue Park strotzt vor Hightech, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Oder so scheint es zumindest.

Auf die Insel kommen zwei Kinder, um ihre Tante zu besuchen: die Brüder Zack und Gray sind die Neffen der Park-Managerin, Claire Dearing. Claire hat aber kaum Zeit für ihre Verwandtschaft und überlässt sie der Aufsicht ihrer Assistentin Zara. Die Jungen sind davon wenig begeistert und flüchten bei erster Gelegenheit, um auf eigene Faust den Park zu erkunden.

Währenddessen zeigt Claire ihrem Boss, dem Multimilliardär Simon Masrani, das neueste Exponat des Parks. Der neue Dinosaurier ist eigentlich gar keiner, denn er ist ein Hybrid aus mehreren Arten. Er ist außerdem groß, intelligent und gefährlich. Masrani besteht darauf, dass Owen Grady zur Begutachtung des Gehege-Sicherheit hinzugezogen wird, einer der Dino-Trainer im Park und Experte für Velociraptoren, welche ebenfalls sehr intelligent sind. Es kommt natürlich, was kommen muss: der „Indominus Rex“ entkommt und die unvermeidliche Katastrophe bricht über die Isla Nublar und ihre Besucher herein.

Soweit, so unkreativ und vorherschaubar. Und das ist auch vielleicht der Hauptkritikpunkt, den ich am Film habe: er bleibt absolut schematisch. Die beiden Jungs, die zu Beginn des Films ausreißen, sind ein MacGuffin, der von den Erwachsenen gesucht wird. Die Dinos sind Naturkatastrophe und Hintergrund-Gefahr in einem. Helden sind Helden, Monster sind Monster, Bösewichte sind Bösewichte. Überraschungen: Fehlanzeige.

Die Unkreativität gilt auch für die Kamera- und Regiearbeit im Allgemeinen. Stets werden die notwendigen „plötzlichen“ oder „überraschenden“ Wendungen durch die gängigen optischen und akustischen Clichés angekündigt (ich bin im gesamten Film nicht einmal zusammengezuckt). Echte Spannung bleibt aus, es ist von vorneherein klar, wie der Film ausgeht. Letztlich folgt die Dramaturgie der eines Katastrophen-Films: die Akteure reagieren nach einleitenden 30 Minuten eine atemlose gute Stunde lang auf immer neue Eskalationen, und dann ist es irgendwann vorbei und alle dürfen nach Hause. Wie gesagt: alles ist Schema F, von vorne bis hinten.

Der zweite Kritikpunkt ist mangelnder Realismus. Und ja, das sage ich über einen Film, dem ich weder seine laufenden Computer-Dinos vorwerfe noch die Tatsache, dass die Velociraptoren keine Federn haben (tatsächlich sahen Raptoren wohl heutigen Laufvögeln ähnlicher als Echsen und die „Theorie“ der Verwandtschaft mit modernen Vögeln, die im Film sogar zitiert wird, gilt heute weitgehend als bewiesener Fakt; aber was soll's). Nein, ich meine die Konsistenz bzw. das, was ich gelegentlich als „innere Logik“ eines Films oder eines Buchs bezeichne. Denn eine fiktive Welt funktioniert nur dann richtig, wenn sie ihre eigenen inneren Regeln befolgt und nicht bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in hohem Bogen aus dem Fenster wirft.

Vielleicht ein Beispiel. Der Park ist vollständig computerisiert, alles ist elektronisch und mit Hochtechnologie gespickt, der Kontroll-Raum sieht aus wie aus einem feuchten Traum der NASA geklaut. Trotzdem schafft es Claires Assistentin Zara über mehrere Stunden nicht, herauszufinden, wo die Jungs sind, natürlich während diese ständig ihre VIP-Pässe benutzen, um Park-Attraktionen zu besuchen: aha. Die angestellten „Mad Scientists“ der Firma InGen rühren Dino-DNA zusammen und züchten buchstäblich hausgroße Monstrositäten, deren Gefahrenpotential sie nur unvollständig vorher kennen, und das direkt neben den Touristen: soso. Der neue Dino hat zwar ein Implantat mit einem Ortungs-Sensor, aber auf die Idee, dass so ein Implantat auch ein Betäubungsmittel auf Knopfdruck beinhalten könnte, kommt natürlich ebenfalls niemand: na denn (aber das hätte der Story ja auch eine Wendung verpasst). Die Genetiker derselben Firma, die auch den Themenpark betreibt, klären ihre Vorgesetzten nicht über die genaue „Zusammensetzung“ des neuen Super-Dinos auf. Und sie begründen dies... mit Betriebsgeheimnissen? Ja ne, ist klar.

Jedes Detail für sich wäre irrelevant, in der Summe fallen sie aber störend auf. All diese Seltsamkeiten sind vor allem unnötig und wären vermeidbar gewesen. Die Welt des Film ist einfach irgendwie nicht stimmig. Aber das passt andererseits, denn auch die Charaktere sind wenig mehr als Abziehbilder. Jede einzelne Figur, vom geradezu unverschämt gut aussehenden (und natürlich extrem männlichen) Helden über den als Neben-Bösewicht fungierenden Sicherheitschef des Parks und die eigentlich lebensuntaugliche Managerin bis hin zu den MacGuffin-Neffen, ist unsympathisch. Ich habe mich mehr als einmal dabei erwischt, mich auf die Seite der Dinos zu stellen und mir zu wünschen, vor allem die beiden nervtötenden Kotzblagen würden endlich mal ihren mehr als verdienten Darwin-Award abholen. Auch Claire als sprödes Business-Weibchen ist nicht sympathischer als der bis in die Poren mit Macho-Sprüchen imprägnierte Owen.

Je älter ich werde, desto mehr stört mich zudem der bis heute in Hollywood dominante Sexismus und Rassismus. Jede einzelne Hauptrolle ist (natürlich) weiß besetzt, und bis auf Claire und die Kinder (selbstverständlich) außerdem mit Männern. Die erfahrene Managerin und Geschäftsfrau, die immerhin einen verdammten tropischen Themenpark leitet, kommt nicht einmal dann auf die Idee, ihre verdammten Stöckelschuhe auszuziehen, wenn sie sich ins Auto setzt und raus in den verdammten Wald fährt? Aha. Claire und die Kinder sind aber eh natürlich hauptsächlich dazu da, in Schwierigkeiten zu geraten bzw. (im Fall von Claire) dazu, dass Owens Machismo regelmäßig an die frische Luft kommt.

Aber wie gesagt passen die unsympathischen und flachen Charaktere einfach gut in ihre lieblose und inkonsistente Welt. Man merkt dem Drehbuch halt dann doch an, dass im Laufe der Zeit zuviele Hände daran herumgepfuscht haben (der Film befand sich rund 10 Jahre in der Entwicklung).

Aber: rein handwerklich und optisch gibt es wenig zu meckern. Und man geht wohl in einen Monster-Streifen weniger wegen der Entwicklung seiner Charaktere, sondern eher wegen der Explosionen (und der Monster). Und in dem Aspekt wird man von „Jurassic World“ nicht enttäuscht. Auch das Tempo und die Action stimmen großteils. Ein großer Wurf ist der Streifen halt nicht, weiß aber trotz seiner Schwächen leidlich solide zu unterhalten, wenn man keine zu hohen Ansprüche hat und sich an der Sammlung von Hollywood-Clichés nicht stört.