Spione, Perücken, Penisbilder: „Spy – Susan Cooper Under Cover“

Es wird mal wieder Zeit für eine Rezension. Oder einen Verriss? Wir werden sehen. Worum geht’s: um „Spy“, den aktuellen Film mit Melissa McCarthy. Mit anderen Worten, gestern ging's recht spontan ins Kino und ich habe nicht schnell genug „bitte bloß nicht“ gerufen. So ist das Leben, einige Kämpfe verliert man, einige gewinnen die anderen. Insgesamt war der Streifen tatsächlich überraschenderweise weniger schlecht als erwartet, und das ist ja auch mal was. Allerdings sei vor der deutschen Altersfreigabe gewarnt.

Worum geht’s: McCarthy spielt Susan Cooper, eine graue Maus bei der CIA, die trotz erfolgreich abgeschlossenen Agententrainings ihr Leben damit verbringt, als Souffleuse von Bradley Fine in einem feuchten Keller in Langley zu hocken. Fine ist ein „richtiger“ Agent, also: er sieht gut aus und er ist ein Mann. Man denkt unwillkürlich an Sean Connery und seinen Bond. So ganz weit her ist es mit Fines Fähigkeiten allerdings nicht: „Coop“ ist es, die Fine vor Bösewichtern warnt, ihm das Terrain erklärt oder ihn auch mal mit einem Drohnen-Beschuss aus der Bredouille paukt. Kurz, ohne Cooper wäre Fine ein deutlich weniger erfolgreicher und deutlich mehr toter Agent, aber das wird natürlich von niemandem wahrgenommen. Cooper ist außerdem (selbstverständlich) unglücklich in Fine verliebt, was dieser natürlich ebenfalls nicht mitbekommt.

Als dann aber Bradley Fine erschossen wird und die Schurkin „Rayna“ die Namen aller aktiven Agenten zu kennen scheint und immer einen Schritt voraus ist, schlägt endlich Coopers große Stunde: sie soll undercover gehen und Informationen beschaffen. Denn Rayna hat (natürlich) eine Atombombe an sich gebracht, um diese (selbstverständlich) gegen Höchstgebot an Terroristen zu verscheuern. Die Zeit drängt also.

All dies dient letztlich nur als Aufhänger für eine recht atemlose Gag-Parade, in der zumindest gefühlt wirklich jedes Cliché von Agentenfilmen gnadenlos aufs Korn genommen wird. Von brunzdummen Macho-Agenten über grassierenden Sexismus bis zu Spionen, die mit ihrer Spiegelreflex-Kamera Fotos vom eigenen Gemächt schießen, ist alles dabei. Und, und das ist mein hauptsächlicher Kritikpunkt, man kriegt das auch alles zu sehen. In Großaufnahme. Ja, inklusive der digitalisierten Agentendödel.

Es werden Bösewichter aufgespießt, ihre Kehlen weggeätzt, Knochen gebrochen, Menschen in den Kopf geschossen, Messer in Hände gerammt und wieder herausgezogen, Bilder von Agentenpenissen auf Kameras begutachtet: und immer, wirklich immer! hält die Kamera drauf. Die Kunst des Wegschneidens im letzten Augenblick ist die Kunst dieses Films definitiv nicht. Aus diesem Grund erscheint die Altersfreigabe von 12 Jahren denn auch relativ bizarr, vorsichtig ausgedrückt.

In Amerika ist der Film übrigens mit einer „R“-Einstufung (sprich: keine Jugendfreigabe) versehen, vermutlich wegen der aufblitzenden männlichen Geschlechtsteile. Aber auch die Gewaltdarstellung hinterlässt mich mit gemischten Gefühlen und in der Überzeugung, dass der Film wohl eher etwas ab 15-16 ist. (Das ist auch das Alter, in dem die Art Humor besonders gut zündet, zumindest war das bei mir so.) Man nagele mich nicht auf das letzte Jahr fest, und die 12er Lizenz ist natürlich lukrativer. Aber „Spy“ zeigt einmal mehr, wie lachhaft das deutsche FSK-System letztlich ist. Iron Man wurde noch geschnitten, um die 12 zu erreichen. Das ist heute wohl überflüssig, ergibt ja auch Sinn bei unserer frühreifen Jugend.

Ansonsten gibt es eine gehörige Portion Slapstick, von umfallenden Motorrollern bis zum Kotzen im Strahl über 3 Stockwerke ist das gesamte Pflichtprogramm amerikanischer Komödienunterhaltung selbstverfreilich enthalten. Das alles ist eigentlich so meines nicht unbedingt, und eine Menge Lacher waren eher unfreiwilliger Natur und dem gigantischen Fremdschämfaktor auf dem Bildschirm geschuldet. So kann man aber natürlich Komödien drehen. Muss man nicht, aber man kann.

Einiges funktioniert überraschenderweise trotzdem. Dass Melissa McCarthy nicht dem Idealbild einer Hollywood-Schönheit entspricht, ist wohl allseits bekannt. Trotzdem wird ihr Gewicht kaum thematisiert, und im Gegenteil wird Susan als durchaus begehrenswerte und sehr fähige Agentin gezeigt, die hauptsächlich durch den Sexismus der Gesellschaft gehindert wird, den allerdings sie selbst auch tief verinnerlicht hat.

Entsprechende Szenen, in denen zum Beispiel der befreundete Agent aus Italien seine Hände nicht bei sich behalten kann und Susan Cooper direkt bei der ersten Begegnung die Zunge in den Hals stecken will, spielen vermutlich auf den nach heutigem Maßstab gar nicht subtilen Sexismus alter Bond-Verfilmungen an. Das Gebaren des Connery-Bonds gegenüber dem weiblichen Geschlecht wäre heutzutage mit sexueller Nötigung noch sehr freundlich umschrieben, aber eine Zeitlang gehörte das anscheinend einfach „dazu“: der Agent, der reihenweise Frauen flach legt, insbesondere feindliche Agentinnen, und Frauen, die zwar erst „nein“ sagen, aber insgeheim natürlich trotzdem vom Helden das Gehirn rausgebumst bekommen wollen.

Tatsächlich ist dies der Aspekt des Films, wo am ehesten so etwas wie Gesellschaftskritik durchblitzt. Generell kommen Männer nicht sonderlich gut weg: sie sind brutal, sexistisch, dumm und schwelgen in Selbstüberschätzung. Insbesondere darf sich Jason Statham nach Herzenslust selbst veräppeln, was mir dann doch diebische Freude bereitete. Aber auch diese Ebene kommt natürlich ungefähr mit der Subtilität eines Holzhammers daher. Es wäre allerdings auch überraschend gewesen, wenn das anders wäre.

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