Ehe: abschaffen. Echt jetzt.

Die Ehe als exklusive Institution zwischen Mann und Frau ist wohl (endlich) tot. Auch wenn es in der aktuellen Legislaturperiode vielleicht nicht mehr zu einer völligen Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare kommen sollte, wird es höchstens noch wenige Jahre dauern. Währenddessen verteidigen die Politiker von "C"- und "A"-Parteien in immer schrilleren Tönen die "klassische" Ehe, offenbaren dabei aber vor allem, wie willkürlich das Konzept eigentlich ist. Zeit, es vollständig zu überdenken.

Der derzeit jüngste hysterische Aufschrei kam aus eher unerwarteter Richtung. Annegret Kramp-Karrenbauer, ihres Zeichens Ministerpräsidentin des Saarlandes und Mitglied (natürlich) der CDU, wird eigentlich meist eher dem liberalen Flügel der Partei zugeordnet. Dass ausgerechnet sie nun davon sprach, bei einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sei der Weg zu Inzest und Vielehe nicht mehr weit, verwunderte in der Tat.

Die folgende Empörung über ihre Äußerungen ist nicht ganz unverständlich. Denn die Anzahl der Beteiligten einer Ehe und ihr Verwandtschaftsgrad haben mit dem jeweiligen Geschlecht natürlich nun einmal rein gar nichts zu tun, und zu dieser Erkenntnis bedarf es nicht einmal großer intellektueller Kapazität. Außerdem ist es übrigens so, dass in einzelnen Fällen eine gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland bereits jetzt möglich ist. Ja. In Deutschland.

Denn: in dem zwar seltenen, aber durchaus vorkommenden Szenario, dass in einer vorher geschlossenen Ehe einer der Partner transsexuell ist und sein juristisches Geschlecht der empfundenen Identität angleichen möchte, bleibt die Ehe bestehen. Das Ergebnis ist dann beispielsweise auch heute schon eine Ehe von zwei Personen, die beide juristisch dasselbe Geschlecht haben. Der entsprechende Passus im Transsexualitätsgesetz, der genau vor dieser Katastrophe hätte schützen sollen, wurde nämlich bereits vor vielen Jahren von den bösen Karlsruher Aktivisten kassiert.

Die Probleme mit der Definition einer gesellschaftlichen Institution basierend auf einem binären Geschlechts-Schema fangen also direkt damit an, dass es dieses binäre Geschlechtsschema so eigentlich gar nicht (mehr) gibt. Die sexuelle Identität ist letztlich ein gesellschaftliches Konstrukt, ein Koordinatensystem. Die genaue Position des Individuums in diesem System ist aber nicht normiert, es gibt also Grautöne zwischen den traditionellen Polen. (Ganz genauso, wie es nicht nur hetero- und homosexuell gibt, sondern ungefähr jede denkbare Abstufung zwischen den Extremen.)

Vereinfacht gesagt: es gibt Personen, die sich großteils männlich fühlen, es gibt überwiegend weibliche Persönlichkeiten, und diese beiden Fälle stellen wohl auch weiterhin die Mehrheit (keine Sorge, die Menschheit stirbt also nicht aus). Aber es gibt eben auch eine Menge Personen, die beide Aspekte in sich tragen (sei es körperlich oder seelisch), und sich nur schwierig für eines der beiden Extreme entscheiden können. Für solche Menschen ist tatsächlich bereits die Tatsache, dass sie per Gesetz entweder Mann oder Frau zu sein haben, ein unterdrückender Akt, eine Diskriminierung durch die Mehrheit.

Seit einigen Jahren wird dieser Umstand sogar schon (glücklicherweise!) teilweise anerkannt, und die Eltern bzw. Ärzte von intersexuellen Kindern dürfen in der Geburtsurkunde heute den entsprechenden Eintrag tatsächlich offen lassen. Die Zeiten, dass man einem solchen Kind zwangsweise ein willkürlich gewähltes „eindeutiges“ Geschlecht gab (mit allen traumatischen Spätfolgen), sind hoffentlich langsam endlich vorbei. Über kurz oder lang wird es daher aber wohl dazu kommen (müssen), dass im Personenstandsgesetz die Geschlechtsangabe durch mindestens eine dritte Option ergänzt wird, wir also z.B. „männlich“, „weiblich“ und „anderes“ im Personalausweis stehen haben können.

Zusammengefasst haben wir also bereits heute Menschen in unserer Mitte, die weder dem klassischen Bild des Mannes noch der Frau entsprechen. Es leben außerdem Menschen unter uns, die irgendwann ihr biologisches Geschlecht „wechseln“ müssen, weil dieses von ihrer eigentlichen Identität abweicht und sie schließlich dem dadurch entstehenden Leidensdruck nicht mehr standhalten. Und auch all diese Menschen haben Sex, Beziehungen und bekommen Kinder. Transsexuelle Männer können schwanger werden und transsexuelle Frauen können Kinder zeugen.

Also liebe CxU und AfD, erklärt mir das bitte dann noch mal, wie das mit dieser mythischen Ehe als exklusiver Institution zwischen Mann und Frau funktionieren soll, wenn es schon an einer eindeutigen Definition von Mann und Frau scheitert.

Eine persönliche These von mir dazu ist, dass Politiker vom Schlage einer Frauke Petry (dieses sächsische Rechtsaußen-Sturmgeschütz der AfD) vor allem deshalb so gegen Begriffe wie Gender-Mainstreaming wettern, weil sie große Angst davor haben, dass die Welt auch nur einen Hauch komplizierter sein könnte, als sie es verkraften. Aber das nur nebenbei.

Die Definition der Ehe auf Basis des Geschlechts ergibt also schon wenig Sinn. Aber es gibt noch weitere Schwierigkeiten. Denn der Vergleich von Kramp-Karrenbauer und die Reaktionen darauf zeigen vor allem, dass wir die Ehe bis heute als eine staatlich sanktionierte Form von Sexualpartnerschaft ansehen. Und Sex wiederum ist (christliches Abendland, gell) natürlich vor allem zum Kindermachen da. Der staatliche "Schutz" von Ehe und Familie ist also derzeit in der Praxis nichts anderes als ein Steueranreiz zur Sicherung des Rentensystems.

Nun wird dieser Anreiz natürlich auch schon von sehr vielen heteronormalen Paaren missbraucht, die zwar die Steuern gerne sparen, aber partout trotzdem keine Kinder kriegen wollen: verdammt, so war das nicht gedacht. Wenn man aber mal vom Sex absieht, ist eine Ehe vor allem eine Verantwortungsgemeinschaft: ganz profane Dinge wie Vormundschaft, Verfügungsgewalt im Krankheitsfall und Erbrecht hängen daran. Was das alles aber wiederum mit Sex zu tun haben soll, bleibt zumindest mir schleierhaft.

Man kann sich dann auch tatsächlich als Advocatus Diaboli betätigen und wie die saarländische Landesobere forsch fragen, wieso eigentlich nicht Geschwister einander als Erben und gegenseitig Verantwortliche im Krankheitsfall benennen können sollten. Aber die Antwort ist nicht die, die Kramp-Karrenbauer wohl im Sinn hatte. Denn dass wir bei den Worten Ehe und Verwandte sofort an inzestuösen Schmuddelkram denken, ist ja nun mal eher der entsprechend schmuddeligen Phantasie der Gesellschaft geschuldet.

Aber selbst wenn wir mal diesen Weg gedanklich beschreiten wollen, ist das Ergebnis ernüchternd (im besten Sinn). Inzest ist bislang ja weiterhin eine Straftat. Die Fallzahlen, in denen der §173 StGB in Reinform angewendet wird, also tatsächlich kein sexueller Missbrauch vorliegt, dürften allerdings im niedrigen einstelligen Bereich liegen. Und sobald Missbrauch vorliegt, spielt der §173 für das Strafmaß keine echte Rolle. Was ja übrigens auch sinnvoll ist, denn ob z.B. bei einem Kindesmissbrauch in der Familie das Opfer nun ein adoptiertes Kind ist oder ein leibliches, ist für die Schwere der Tat nicht von Belang.

Echte und „reine“ Fälle von Inzest, also solche ohne Nötigung, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch kommt nach meinen laienhaften Informationen (ich bin natürlich kein Jurist) so gut wie nie vor. Inzest unter Erwachsenen und aus tatsächlich freien Stücken auf beiden Seiten ist dermaßen selten, dass eigentlich der §173 als solcher überflüssig ist, wie auch der deutsche Ethikrat schon angemerkt hat.

Tatsächlich sind wir hier tief im „Igitt“-Territorium. Denn etwas anderes, als es eklig zu finden, haben wir als Allgemeinheit eigentlich nicht aufzubieten, wenn wir einmal ehrlich sind. Das einzige andere Argument, das es gibt, ist eugenischer Natur, und über den rutschigen Abhang, auf den man sich argumentativ begibt, wenn man Eugenik als Grundlage für die Akzeptanz von sexuellen Kontakten heranzieht, muss ich wohl nichts sagen: es gibt vermutlich eine Menge legale Ehepaare mit einem deutlich erhöhten genetischen Risiko für etwaigen Nachwuchs, und denen verbieten wir den den Sex ja auch nicht. Weder Ekel noch Eugenik sind also gute Grundlagen für ein Verbot.

Mit anderen Worten: selbst wenn wir eine Verantwortungsgemeinschaft an Sex koppeln wollen, was ich weiterhin für eine hirnverbrannte Schnapsidee halte, wird der Gedanke, dass selbst bei einer tatsächlichen Legalisierung plötzlich massenhaft Geschwister miteinander in die Kiste stiegen und vor dem Standesamt den Bund fürs Leben schließen wollten, nicht weniger grotesk.

Die Ehe als Manifestation eines monogamen Beziehungsverständnisses hat mit Heteronormativität nichts zu tun, der steuerliche Anreiz nur für den Trauschein ist familienpolitischer Unfug und sonstige Aspekte haben mit Sex nichts zu tun: eine ziemlich willkürliche Mischung. Mein Vorschlag ist daher konsequenterweise die Abschaffung der staatlich sanktionierten Ehe in ihrer bisherigen Form.

Steuerliche Vorteile sollten daran gekoppelt werden, dass tatsächlich Kinder großgezogen werden. Und wenn Menschen für einander Verantwortung übernehmen und sich im Sterbe- oder Krankheitsfall rechtlich absichern wollen, sollen sie das bitteschön dürfen, gern auch Geschwister, wenn sie wollen. Das sollte dann aber besser eine getrennte/neue rechtliche Institution sein, denn diese Aspekte der klassischen Ehe haben wie gesagt weder mit Sex noch mit Kinderkriegen etwas zu tun. Und der Rest der Gesellschaft? Der sollte vielleicht endlich mal seine schmutzige Phantasie aus den Schlafzimmern anderer Leute entfernen.

Kommentare

Du hast in allen Punkten fast ganz recht! Die Ehe als romantischer Akt sollte meiner Ansicht nach frei von jeder Staatsgewalt und jedem möglich sein der sich liebt - wobei ich nicht einmal Ehen mit mehreren Partnern ausschließen möchte, das sollte doch bitte jeder für sich entscheiden und geht mich nichts an. Eine Absicherungsgemeinschaft die rechtlich dem der derzeitigen Ehe entspricht wäre für mich die optimale Möglichkeit, der Romantik dann auch rechtliche Absicherung folgen zu lassen und das muss jedem zugänglich sein, der sich liebt oder Verantwortung füreinander übernehmen möchte. Die steuerlichen Vorteile gekoppelt an das Kinder kriegen sind so eine Sache. Denn bevor man Kinder kriegt, sollte man sich im besten Falle darauf schon vorbereiten und da kommen schon Kosten auf einen zu und ist es sinnvoll, wenn man den Paaren vorab schon eine gewisse Hilfestellung bietet (sie benötigen mehr Wohnraum, der eingerichtet und bezahlt werden muss etc.). Ich wüßte allerdings auch nicht, wie das sinnvoll zu regeln wäre.

Abseits von aller Romantik ist das soziale Konstrukt ¨Ehe¨ eine blanke Notwendigkeit. Sie bildet die gemeinschaftliche Ökonomie der Ur-Horde auf unsere privateigentumsbasierte Gesellschaft ab. Nur hier (!) werden Lebensmittell (im weiteren Sinne) völlig ohne Verteilungskalkül gemeinschaftlich aufgebraucht. Ohne dieses ¨soziale Fenster in die biologische Vergangenheit¨ wäre unsere Gesellschaft schlicht nicht existent.

Sie verwechseln da wohl Familie bzw. partnerschaftliches Zusammenleben mit dem Konstrukt "Ehe".

Die Ehe ist ein staatlich (früher kirchlich) sanktioniertes Verwaltungskonstrukt, das weiterhin oft (wenngleich immer seltener) zur rechtlichen "Absicherung" einer monogamen Beziehung dient, nicht mehr und nicht weniger. Und es gibt immer mehr Menschen, die ohne Trauschein zusammen leben, und es gibt im faktischen Familienleben auch keinen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Partnerschaften.

Was nun also dieses bloße Papier vom Staat, mit dem sich Steuern sparen und bei Trennung vor Gericht ausgiebiger um das Sorgerecht streiten lassen, mit "biologischer Vergangenheit" und... Lebensmitteln? zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht wirklich.

Die Ehe gab es z. B. schon im alten Griechenland und Rom als eigentumsähnliches Verhältnis.

Und nun? Die Existenz oder Nicht-Existenz eines juristischen Konstrukts namens "Ehe" in alten Staaten und Gesellschaften hat immer noch nichts mit "biologischer Vergangenheit" und erst Recht nichts mit "Lebensmitteln" zu tun, sondern wenn überhaupt etwas mit althergebrachten patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, welche klassisch die Gesetzgebung prägten und prägen.

Wenn es aber ein "Argument" gibt, das keines ist und keines sein kann, weil damit nämlich jeder Fortschritt unterbunden würde, dann ist es die heilige Kuh der Tradition bzw. des "das war schon immer so".

Bei Partnerschaft ohne Kinder ist es in der Tat wumpe ob Ehe oder formlos.

Aber bei Kindschaftsverhältnis verliere ich jeden Liberalismus. Kinder brauchen einen Schutzbereich zum Großwerden, auch heute noch. Da mag von meiner Seite Pathos mit schwingen - mir egal.

(Disclaimer: an mir ist seinerzeit eine Mama verloren gegangen. Heute sind meine Kids erwachsen.)

Also in der Konsequenz Unverheirateten das Kinderkriegen verbieten? Oder gleich Sex vor der Ehe sanktionieren, Kranzgeld wieder einführen, Scheidung abschaffen und homosexuellen Paaren ihre (durchaus gelegentlich vorhandenen) Kinder wegnehmen. Na denn. Ich bin nur froh, dass derlei Ansichten heutzutage alles sind, nur nicht mehr mehrheitsfähig.

Es ging mir um das legale Institut der Ehe, nicht um Verbotsfantasien. Kinder kriegen zähle ich zu den Grundrechten. Nur sind diese ab Geburt eigenständige Individuen mit eigenem Lebensrecht, das ich zur Begründung des Instituts Ehe angeführt habe. Kinder sind eine neue Sache, jedes mal wieder. - (Sie brauchen nicht zuzustimmen.)

Auch wenn ich gelegentlich überspitzt formuliere, akzeptiere ich durchaus, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann. :-)

Für mich heißen halt gerade die Rechte des Kinds als Individuum, dass ich es eigentlich nicht dafür bestrafen darf, dass die Eltern unverheiratet sind, und das passiert derzeit, denn des einen Bevorzugung ist des anderen Benachteiligung. Dies ist letztlich auch der Grund, weshalb ich für die Aufspaltung der jetzigen Mischung, die das Rechtskonstrukt Ehe ist, in ihre einzelnen Komponenten bin. (Dass das aber sowieso auf absehbare Zeit nicht passieren wird, ist mir natürlich klar.)